Die Corona der Schöpfung

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Der Taumel, in dem beinahe der ganze Erdball gerade Amok läuft, zeigt die Verzweiflung auf, in der wir offensichtlich mit einer ungeheuerlich oberflächlichen Fratze am Leben hängen. Die Ursachen für einen Tod sind so vielfältig und bunt wie das Leben selbst. Ein plötzlicher Herzstillstand, Krebs, Stress, der wiederum zu zahlreichen Krankheiten führt, Charakterzüge wie Bitterkeit, Geiz, gerne auch Neid und weitere Kleinlichkeiten eines engen knickrigen Geistes, die alle das Ende beschleunigen können – wobei auch zutiefst bösartige und kleinkarierte Geister bisweilen sehr alt geworden sind – das ganze Potpourri aus Geisteshaltungen, Emotionen und tatsächlichen Malaisen spinnen Gewebe und spielen auf Tastaturen, die weit ausladend sind, beinahe grenzenlos, wenn man noch dazu bedenkt, wie sie ineinander spielen, sich mischen, um dann, wie von Zauberhand doch nur eines im Schilde zu führen – nämlich die Beendigung eines individualisierten Seins.

Wer nur einmal einem Menschen oder auch einem Tier beim Sterben beigewohnt hat, der weiss, dass ein Wesen, wenn es sich aus dieser Welt verabschiedet, seinen Geist wahrlich aushaucht. Man weiss unmittelbar, wenn der Tod eingetreten ist. Was eben noch beseelt war, ist jetzt nur noch eine leere Hülle. Ab dann kehrt man wahrhaftig zum Staub zurück, man verwest, zerfällt, wird wohl im besten Fall verbrannt und zerstreut sich dann wieder im Wind, bei Regen und Schnee, an einem heissen Sommertag oder einem freundlichen, blühenden Frühlingsmorgen – wie es dem Schicksal gerade einfällt. 

Und jetzt haben wir wie durch Zauberhand ein Virus wüten, das sich aufmacht, die Welt zu erobern und als eine neue Sterbeursache hinzu kommt. Es ist ein neuer Unbekannter auf dem Weg zum “Sankt Nimmerseinstag”. Dass Zucker krank macht, Rauchen schädlich ist und dergleichen mehr, wissen wir ja inzwischen, was uns allerdings so gar nicht davon abhält, weiterhin reichlich davon Gebrauch zu machen und fleissig zu konsumieren. Wer deshalb früher stirbt, der ist halt auch länger tot – will man fast flapsig noch anmerken. Und hin und wieder stirbt der Nachbar, der ganz gesund gelebt hat, voll im Saft stand, und bei dem man sich den frühen Abgang so gar nicht erklären kann. Und dann gibt es Menschen, die sind seit dreissig Jahren krank und leben noch, und braungebrannte Lebefrauen und Lebemänner, die eben noch das Leben selbst sind, im nächsten Moment aber in einem Augenblick kurzerhand den Löffel abgeben und sich schneller verabschieden als man Servus sagen kann.

Das neue Virus ist ein noch unbekannter Schiffer, der uns über den Fluss Lethe, den Fluss des Vergessens, hinüber führt ins Jenseits und aus dem Leben heraus. Zumindest wird es als etwas Neuartiges eingestuft, obgleich noch fraglich ist, wie neu und wie aussergewöhnlich es wirklich ist. Dem Unbekannten aber, vor allem wenn es um unser leibliches Wohl geht, dem begegnen wir verhalten, mit Vorsicht und auch ängstlich.

Diesem Unbekannten widmen wir gerade unsere uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Fokussierungsillusion nennt Rolf Dobelli es, wenn wir uns auf eine Sache fokussieren und ihr die gesamte Aufmerksamkeit schenken, nur noch auf ein Ding schauen, das uns dann sozusagen die ganze Welt macht. Der Klassiker ist der Aberglaube, dass das ganze Leben besser wird, wenn man mit der Rente in einem Land leben kann, wo das Wetter besser ist. Dabei geht man von der Annahme aus, dass alleine die Tatsache, dass das Wetter beispielsweise in Spanien besser ist als in Deutschland, Österreich und der Schweiz, den ganzen Zauber des Seins dort besser erlebbar macht. Aber das Leben besteht eben nicht nur aus Wetter. Und allzu oft werden die Erwartungen an die Spanische Sonne überschätzt und gnadenlos überbewertet.

Im Eifer des Gefechts, des gnadenlosen Fokussierens auf das Eine, das Neue, alles Bewegende, da liegt es nahe, dass man den ganzen Rest auch mal vergisst, ungerade gerade sein lässt, aus zwei und zwei fünf oder sieben wird, und insgesamt die ganze Weitläufigkeit, die Vernetzungen und Verzweigungen des Seins wie nebensächliche geschlagene Schachfiguren an den Rand des Existierens gestellt werden, während man sich auf dem Schlachtfeld fokussiert so ganz dem Einen widmet. 

Diese gnadenlose Verschiebung des Wesentlichen, das – es liegt in der Natur der Sache – so vieles ist und jedem das ganz Eigene: der Mutter ihr Baby, dem Firmengründer sein Geschäft, dem Bauer sein Feld und so weiter… – diese Verschiebung ist unheilvoll und hat ein Leiden im Gepäck, das sich erst in der Zukunft in seiner ganzen wahren Dimension zeigen wird.

Wer also dazu beiträgt, dass eine solche Verschiebung erfolgt, der sollte sich zutiefst sicher sein, dass das Leiden und der Schmerz, der in Kauf genommen wird, geringer ist als die eine Gefahr, der man sich ausgesetzt fühlt, als der konzentrierte und ausschliessende Fokus, den man in den Blick nimmt. 

In beinahe allen Bereichen des Seins ist es unheilvoll, wenn ein Mensch seine Existenz auf eine einzige Idee stützt, so wie es auch unheilvoll ist, wenn sich eine Gesellschaft in schwer wiegenden Entscheidungen auf eine Person, oder ausschliesslich auf einen einzigen fachlichen Personenkreis stützt. Denn eine Gesellschaft ist nicht auf ein Problem oder nur eine Gefahr zu reduzieren, und das gilt natürlich und vor allem auch für Entscheidungen, die die gesamte Gesellschaft betreffen.

Eine Gesellschaft ist ein hochkomplexes und vielschichtiges Gefüge, in dem die Gefühlswelten menschlichen Seins mit ehrenwerten und niederträchtigen Interessen und Ambitionen aufeinandertreffen, in der sich das Tiefste und das Oberflächlichste Ausdruck verleiht im Zusammenspiel von Kräften, die unsichtbar ineinander greifen und wirken. Dieses Gefüge einfach mal herunterzufahren wie einen Computer, und dann wieder neu zu booten, ist eine höchst waghalsige Idee.

Eine lebendige Gesellschaft, das ist die Geschichte selbst, die uns hier mitnimmt, das Kind bei der Hand, den ambitionierten aufstrebenden Geist in seine Unternehmungen und den Greis auf ein paar letzte wohlverdiente sonnige Tage und Augenblicke mit den Liebsten. Es ist ein ständiges Ineinanderwirken und eben aufgrund seiner Komplexität auch höchst fragil. Im Gepäck hat dieses fragile Gebilde Gesellschaft in unserer Zeit eine Zeitenwende im digitalen Voranschreiten, das Wissen, dass wir nur Gast und Teil eines Planeten und einer Natur sind, die viel älter, klüger, ja um so vieles weiser ist als wir, und um die wir uns bis vor kurzem einen feuchten Dreck geschert haben, ausserdem eine internationale wirtschaftliche Schieflage und insgesamt ein Konglomerat aus Faktoren, die diese Komplexität in Höhen treibt, von denen aus man nicht mehr hinunterschauen möchte, ohne dass einem gehörig schwindlig wird. Vermutlich wird man sofort ohnmächtig, wenn man es versucht.

Und da stehen wir nun, in ungeahnten Höhen, in die wir aufgestiegen sind, indem man uns stillgelegt hat. Ein kalter Wind pfeift uns um die Ohren und wir leben im Zustand des Kehraus, des dauernden Ladenschlusses, der verwaisten Gasse, des zugesperrten Wirtshauses und schauen in und bedienen als nahe liegende Ersatzbefriedigung Bildschirme und digitale Ströme, deren sterilisierte Herzenswärme wie ein gut gemeintes Ersatzgefühl in unseren Adern pulsiert. Es gibt eine grosse Solidarität im Digitalen, und das ist eine gute Sache. Unter der Oberfläche des Gutgemeinten und Gutgemachten lauert allerdings eine Wirklichkeit, die in Ihrer Härte so gar nicht digital ist, die Hunger hat, die etwas leisten möchte und die auf eine Wirklichkeit trifft, in der man sie im Stich gelassen hat. Das in seiner Existenz bedrohte Individuum, wirtschaftlich, und damit ganz konkret, oder auch wahrlich schon in Fleisch und Blut, ist höchst energiegeladen und zu Ausserordentlichem im Stande.

Es sei der Welt und allen gewünscht, dass sich die Härte der Wirklichkeit, die so viele Menschen zutiefst in ihren Kräften herausfordert und fordert, in einem friedlichen, solidarischen Wettkampf um die besten Plätze ausagiert. Dabei sei bedacht, dass Fairplay in einer per Definition unfairen Welt keine leichte Sache ist. Der Mensch ist hier auf einem Niveau gefordert, für das er bisher niemals gut war.

Vielleicht ist es gut, daran zu denken, dass Covifu durch die meisten von uns hindurch rauscht wie ein Geist, der uns kichern, niesen und kurz husten lässt, der dann aber weiter zieht und vom Zahn der Zeit auch schon bald wieder eingeholt wird. Um die, die uns brauchen, kümmern wir uns. Covifu verändert sich, der Mensch verändert sich. Und der ganze Zauber des Seins hat ein Kapitel aufgeschlagen, das es so keinesfalls schon einmal gab. 

“Über allen Wipfeln ist ruh.” Es ist Stille eingekehrt. Mutter Natur erholt sich und atmet tief durch. Der Mensch hat die einzigartige Chance, das Spiel des Planeten einmal von der Reservebank aus zu betrachten. Wir können auf die Welt schauen, ohne uns dabei ständig zu sehen und zuzusehen. Was sehen wir? Delphine in Venezianischen Kanälen, glückliche Vögel, strahlend blaue Himmel. Es ist ungeheuer friedlich dort, wo man nicht gerade auf Covifu trifft. Mutter Natur bringt jetzt wieder ihre erste Mannschaft, und das sind nicht wir. Wie schlau. Vielleicht nutzen wir die Zeit, um uns für den Moment in ihrem Schoss einmal auszuruhen und zu erholen. Und am besten vergessen wir das nie. Denn soviel steht fest: auf dem Kopf herumtanzen lässt sie sich auf Dauer nicht. 

 

Have a great day…and a good life!