Kein Morgen oder Schweizer Glück

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Es ist ja ganz offensichtlich. Es gibt kein Morgen. Oder haben Sie bei der Kneipe mit dem Schild “Morgen Freibier” schon jemals eins bekommen? Natürlich nicht. Damit haben wir in einem Zweizeiler den unwiderlegbaren Beweis dafür geliefert, dass es kein Morgen gibt. Tatsächlich nämlich gibt es immer nur heute. Stellen Sie sich also vor, an der Kneipentür steht “Heute Freibier”. Dann sieht die Sache schon ganz anders aus.

Der Unterschied zwischen heute und morgen ist gelinde gesagt gewaltig. Das wirklich Verrückte ist jetzt aber, dass wir das Heute oft nur herzlich schlecht hinbekommen und geniessen, weil wir eigentlich schon im Morgen oder Übermorgen sind. Das Heute ist letztlich aber alles, was wir jemals haben werden.

Und doch: Gesellschaften, die heute schon an Morgen denken, leben ökonomisch besser. Vielleicht sind sie dadurch auch etwas weniger glücklich – aber unter Umständen nicht einmal das. Nehmen wir, denn das liegt für mich nahe, die Schweizer. Die Schweizer sind Weltmeister im Planen – im gelungenen Planen wohlgemerkt. Wenn der Schweizer ein Tunnel plant und dann baut, wird es in der Regel auch rechtzeitig fertig. Ein jüngeres Paradebeispiel dafür ist der Gotthardtunnel.

Sind die Schweizer deshalb weniger glücklich? Ich würde sagen nein. Warum? Weil man den Begriff Glück für die Schweiz eigentlich neu erfinden müsste. Der Schweizer ist nicht übermässig ausgelassen. Meistens beherrscht er sich ziemlich gut. Er ist kontrolliert. Das ist im Restaurant so, wenn in schönster Contenance serviert wird – freundlich, aber nicht aufdringlich. Und das ist am Zoll so, wenn man uns das Gepäck mit Handschuhen und einer im Rahmen des Umstandes durchaus gegebenen Sensibilität durcheinander bringt und dann mitteilt, wir können wieder einpacken und weiterfahren. Der Schweizer und die Schweizerin sind weltweit einzigartige Meisterwerke der Selbstbeherrschung.

Trotz aller Planung, oder gerade wegen ausgezeichneter Planung, kommt der Schweizer sehr gut im Heute an. Das ist ein Paradox. Aber so ist eben das Leben: ein Paradoxon erster Güte. Und das, obwohl es in der Schweiz nur selten Freibier gibt und auch sonst überhaupt nichts umsonst ist. Das ist übrigens nicht zu verwechseln mit Geiz. Denn in der Schweiz gibt man sich nicht geizig, sondern man hat einfach Geld. Es gibt hier also kein Problem. Und sollte es eines geben, so gibt es dennoch keines. Was die Schweiz sicher so gar nicht tut und auch nicht braucht ist Jammern. Das Leben muss funktionieren. Und funktioniert es einmal nicht, so tut man gut daran, es schleunigst wieder zum Funktionieren zu bringen. Das ist ein sehr guter Ansatz für ein gutes Leben.

Der Schweizer ist also durchaus facettenreich: von beinhart urschweizerisch bis galant und süffisant, vom Traktor bis zum Lamborghini ist alles dabei. Was ich trotz aller Weitschweifigkeit und Vielfalt der Schweizer dennoch nicht empfehle, ist einem Schweizer Bauern über die Wiese zu fahren, und sei es auch nur, um einem anderen Fahrzeug Platz zu machen. Sie müssen damit rechnen, heftig beschimpft zu werden, beispielsweise mit den Worten: “Ich fahre Ihnen ja auch nicht über den Salat.” (natürlich auf Hochschwyzerdütsch).
Aber ich war abgewichen, vom Pfad des Heute abgekommen. Sie sehen schon, wie schwierig es ist, bei einem einfachen Text im Jetzt und bei der Sache zu bleiben. Aber das Leben in seiner Gesamtschaft ist ein noch um so viel komplexeres Ding, das sich nicht in einen Text pressen lässt. Es will atmen und sich entfalten und auf allen Hochzeiten tanzen – dabei aber fokussiert bei einer Sache sein und bleiben.

Das Leben, meine Lieben, das hat den Buddha, 9 ½ Wochen und Pretty Woman im Gepäck, und zwar gleichzeitig. Das Leben will gelebt sein als gäbe es kein Morgen. Es will spielen wie die Kinder, wobei es kein Alter kennt. Es tanzt immerzu. Es ist von einer solchen Leichtigkeit, dass einem schwindlig werden kann. Denn es tanzt gerne auch über dem Abgrund. Es ist ein Seiltänzer, der nur für eine kurze Zeit seinen Auftritt hat. Wenn er abtritt, ist die Sache ausgespielt. Er tanzt für den Augenblick und in die Ewigkeit hinein. Sein Sein ist ein Moment. Nichts wird bleiben.

Es ist die Natur des Spiels, dass es sich wieder auflöst, so wie es auch spontan gekommen ist. Dem Zeitvertreib will man einen Namen geben, obgleich er eigentlich keinen hat. Es gibt nichts zu verstehen, aber jeder braucht ein Verstehen für sich selbst. Wir lechzen verzweifelt nach einem Sinn, im Heute, im Morgen, im grossen und kleinen Plan, im weitverzweigten Weltgeschehen, im Bad am See an einem entspannten Festtag, in der grossen und kleinen Liebe, in der Kirche, im Sport, bei einem guten Buch, beim Kochen, beim Essen, ja selbst dem Mysterium des Schlafs, der ja schon wie der kleine Tod persönlich daher kommt, wollen wir einen tiefen Sinn unterschieben, als wäre es die ewige Erde als Scheibe – von den Träumen ganz zu schweigen.

Aber alles, was wir bekommen, ist ein Augenblick, einen hübschen Funken Zeit, in dem wir uns ein bisschen verzehren, ein bisschen glühen, mal heller, mal schwächer. Wir sind kleine Glühwürmchen, hätten aber gerne die Hauptrolle im Sommernachtstraum. Und so wissen wir doch eines: das Leben ist auf ganz eigentümliche Weise so gemacht, dass wir trotz aller Widrigkeiten sehr an ihm hängen – und schlägt uns damit gerade schon wieder ein Schnippchen. Denn es schlägt sein Pfauenrad und entfaltet sich erst dann so richtig, wenn wir es los und frei lassen, als wäre es eine leichte Böe, die uns beiläufig auf die Stirn geküsst hat. Man kriegt es einfach nicht zu fassen. Es hat sich, Dich und mich, es hat die Kanzlerin genauso wie den Bürgermeister, den Tischler und die Grossmama.

Dabei führt es die Grossen gehörig an der Nase herum, denn im Spiel um die Macht ist das Seil recht hoch gespannt und der Sturz erfolgt schliesslich in eine grauenhafte Tiefe. Dafür kennt man das Hochgefühl der Bedeutungsschwere, die Maskerade, die damit einher geht, das Klingen der Gläser, das süffisante Lächeln und das Ehrwürdige. Man weiss, wie es ist, Gott zu spielen. Und weiss es doch nicht.

Denn Gott spielt ganz anders. Der grosse Zauberer wirft die Würfel wirklich. Uns bleibt ein kleiner Abklatsch bei Mensch-ärgere-Dich-nicht. Unsere Würfel haben 6 Zahlen. Die Würfel des grossen Zauberers haben unendlich viele Farben und Variationen. Während wir glauben, wir ziehen die Fäden, hängen wir an denen des Zauberers.

In der Schweiz gelingt es allerdings zuweilen, dass alles so am Schnürchen funktioniert, dass man nicht weiss, ob es nicht doch schon wahrhaftig die Fäden des Zauberers sind, an denen alles geführt ist. Aber dann wird man doch wieder geblitzt, ein Auto landet im Graben oder eine Uhr geht falsch.

Der Versuch, der Weitschweifigkeit des Heute und dem Leben selbst auf die Schliche zu kommen, kann schliesslich nur dazu führen, dass man sich gnadenlos verläuft und verliert. Rettung naht, wenn man sich vor Augen hält, dass Schweizer Uhrwerke menschengemacht sind. Damit hat man das Heute, das Morgen, die Liebe, den Kuss, die zarte Berührung mit dem Leben und das Schlagen der Herzen in eine ästhetische Messbarkeit gebracht, die selbst Momenten, die ausserhalb der Zeit stattfinden, noch eine Form geben, in dem sie sie in der Zeit zu fassen versuchen. Mit Omega endet so gar nichts. Und glauben Sie nicht, dass eine Schweizer Uhr jemals vor oder nach gehen kann. Das ist ein Mythos.

Have a great day…and a good life!