Sinn

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Sinn ist in hohem Mass individueller Natur. Er ist, wofür wir uns entscheiden, dass er das ist. Sinn verändert sich. Sinn entwickelt sich.

Vor einigen Jahren schon galt es über Sinn nachzudenken, ja eigentlich wäre es immer schon dran gewesen. Heute aber ist das Bestimmen unseres Sinns unabdingbar, wenn wir ein gutes Leben leben möchten. 

Sinn ist, wofür ich in meinem Leben brenne, es ist wofür ich lebe – für mich, aber auch für andere. Ich frage mich also: Was ist mein Sinn? Wofür möchte ich meine Lebenszeit einsetzen? Und ich frage mich auch: Worin liegt der Sinn meiner Existenz für andere? Was haben andere davon, dass es mich gibt?

Die Generation unserer Eltern musste sich darüber weniger Rechenschaft ablegen. Sinn betrifft heute unser aller Privatleben und unseren Beruf. Klar: Eine Mutter, die ihre Kinder grosszieht, braucht über Sinn in der Regel nicht viel nachzudenken. Wenn die Kleine schreit oder die Schulnoten nicht passen, es beim Fussballspielen eine Platzwunde am Kopf gibt, oder einfach keine Windeln mehr im Haus sind, dann stellt sich die Frage, was zu tun ist, gar nicht mehr. Es ist offensichtlich: Die Zeit geht ins Muttersein. Allerdings inzwischen oft auch noch gepaart mit einem Job und einer handfesten beruflichen Existenz. Herkulesaufgaben für das sogenannte schwache Geschlecht.

Anders an dem Procedere ist inzwischen, dass man gut daran tut, sich für das Muttersein oder Vatersein bewusst zu entscheiden, also aktiv die Entscheidung dafür zu treffen. Ansonsten kann es sein, dass man sich viele Jahre seines Lebens gestresst und überfordert fühlen wird. Nicht, weil eigentlich eine Überforderung gegeben ist, sondern weil die Energie fehlt, wenn man sich vorher nicht bewusst entschieden hat.

Es geht nicht nur darum, was wir tun und welche Rolle wir spielen, sondern auch darum, ob unserem Handeln und unseren Rollen bewusste Entscheidungen voran gegangen sind. Wenn ja, ist unser Tun sinnerfüllt. Wir tun, wozu wir uns entschieden haben und füllen es mit dem Sinn, für den wir uns entschieden haben. Das ist viel besser, als nur durch’s Leben zu driften. Sinn ist Orientierung, ist der Hintergrund, auf den wir unsere Ziele malen und die Leinwand, auf der schliesslich auch unsere Werte ihren Platz haben.

Es gilt: Je tiefer Du Dein Leben durchdenkst und bewusste Entscheidungen triffst, denen Du dann auch folgst, desto stärker lebst Du.

Und ausserdem: Der Wettbewerb wird härter. Tendenz exponentiell. Wenn ich in einer Welt lebe, die sich selbst ständig überholt, dann passiert so allerhand. Die Lage wird unübersichtlicher, die Lagebeurteilung schwieriger, die Tendenz zu Ablenkung nimmt zu, es wird schwieriger, bei sich zu bleiben.

Ohne Pausen buhlt man um Deine Aufmerksamkeit. Es ist Jahrmarkt, und zwar die ganze Zeit. Vor allem aber nimmt der Wettbewerb zu. Das heisst, es steht jeden Morgen jemand auf, der das, was Du tust, genauso sehr oder mehr liebt und sich voll dafür einsetzt. Wenn er sich klar für seine Sache entschieden hat, Du aber nicht, wird er Dich über kurz oder lang überholen. Einfach schon deshalb, weil er mehr Energie hat. Klare Entscheidungen gehen einher mit starken Emotionen und geben Energie. Ein Mangel an Klarheit sorgt umgekehrt auch für ein niedriges Energielevel. Bei sich zu bleiben und klare Entscheidungen zu treffen, ist wichtiger als je zuvor, war aber auch noch nie so schwierig. Eben weil die Optionen ständig zunehmen, und weil Zerstreuung so einfach ist, ja uns inzwischen aufgezwungen wird, wenn wir uns nicht aktiv dagegen schützen.

Die Auseinandersetzung mit uns selbst, mental, auch spirituell, ist keine Option mehr. Sie ist ein Muss.

Die Menge der uns dargebotenen Optionen ist allerdings scheinbar. Denn wenn wir keine bewussten Entscheidungen treffen, nehmen die Optionen mit der Zeit ab. Bei den Entscheidungen, die weichenstellend für unser Leben sind, haben wir insgesamt nur eine begrenzte Anzahl an Optionen, weil der Faktor Zeit eine zu wesentliche Rolle spielt. Entscheidungen über unseren Sinn sind per se weichenstellend. Sie entscheiden darüber, welche Richtung wir in unserem Leben einschlagen. Und wir haben einfach nicht die Zeit, uns enzyklopädisch zu entfalten. Wir müssen uns spezialisieren auf einige Themen und Bereiche, denen wir den grössten Raum geben.

Wenn wir es allerdings schaffen, unsere Räume und Aktionsfelder klar abzustecken, dann werden wir schnell, sind orientiert, und es wird einfach. Wenn ich weiss wo ich hin will, macht Fortbewegung nicht nur Sinn, sondern fällt auch leicht. Wenn ich nur aufrecht stehen und laufen kann, aber nicht weiss, wohin ich will, falle ich eher durch die Welt, als dass ich laufe. Mein Schritt ist an sich schon gehemmt. Er hat kein Ziel.

Das ist nicht misszuverstehen mit Flanieren. Man kann sich nämlich auch vornehmen, ziellos zu flanieren, was sehr schön sein kann und Raum gibt für unvorhergesehenes Gutes. Es ist ein Raum-Geben für Überraschungen und ein bewusstes Loslassen von aller Zielstrebigkeit, also Entspannung pur.

Aber davon reden wir hier jetzt nicht, sondern von bewussten, grundsätzlichen Entscheidungen im Sinne der Navigation innerhalb einer Lebensspanne, die klar machen, wofür man steht.

Die Ergebnisse nach einer Selbsterforschung können dabei durchaus einfach ausfallen. Wenn Du Dich bewusst dafür entscheidest, eine Familie zu haben und Mutter zu sein, dann ist das nichts Ungewöhnliches, und es ist auch nicht schwierig. Wichtig ist, dass Du die Entscheidung bewusst für Dich triffst und ihr dann auch in schwierigen Momenten folgst. Es wird Dir dann auch helfen, Dich daran zu erinnern, dass Du Dich bewusst committed hast. Allein das wird Dir Energie geben.

In der Rolle, für die Du Dich entscheidest, steckt zuweilen sogar auch schon ein Ziel. Beispielsweise Kinder und Jugendliche, die ein glückliches und starkes Leben führen können. Aber vor allem steckt in der Entscheidung der Weg, den Du einschlägst. Und diese Orientierung ist ein sehr wesentliches Ingredienz für ein gutes Leben.

Menschen, die keine bewussten Entscheidungen treffen, driften. Die Qualität ihres Erlebens leidet darunter. Da sich die meisten Menschen nie wirklich entscheiden und oft schon als Teenager den ersten Job oder die erste angebotene Lehre annehmen, und dann dabei bleiben, ist das eine ziemliche Verschwendung an Lebensqualität. Selbst wenn jemand den Schritt vollzieht und sich vielleicht erst später bewusst mit einer klaren Entscheidung zu dem committed, was er bereits tut, hebt das schon stark die Qualität, mit der er sich erlebt.

Ich schätze die Menschen, weil ich weiss: Jeder Mensch kämpft einen grossen Kampf. Schon alleine deshalb verdient jedes Leben Respekt. Und obwohl wir einiges in der Hand haben, ist der Verlauf unseres Daseins doch auch in hohem Masse Zufällen geschuldet. Dem kann man durch mentale Steuerung und praktisch zwar durchaus nachhelfen. Aber es läuft auch mal gegen die Besten.

Das Leben wird uns immer wieder in die Knie zwingen. Wir alle bekommen Schläge, physisch, aber auch mental. Ich kenne niemanden, dem das erspart bleibt. Und meist kommen die Schläge aus einer Richtung, aus der wir sie am wenigsten erwarten, bzw. wir sind nie so ganz vorbereitet auf die Lektionen, die kommen.

Wie geht man damit um? Es kann gelingen, wenn man weise lebt. Weisheit kann noch viel mehr – ist aber in hohem Masse Prävention. Insofern ist Weisheit ziemlich unauffällig, weil es eben nicht spektakulär ist, wenn alles nach Plan läuft. Peter Drucker nennt ein funktionierendes Unternehmen auch ein unspektakuläres, ruhiges. Aufreger sollten nur einmal vorkommen, dann nicht mehr, weil man den Fehler im System dann für die Zukunft zu lösen hat und dafür sorgen muss, dass was unrund lief nicht nochmal passiert. Und das gilt auch für uns als Individuen.

Sinn ist die Bestimmung unserer selbst als Individuum. Wir sind alle besonders und haben unsere Talente, werden uns aber auch in einem Umfeld besser entfalten, das uns in unseren Anlagen unterstützt. Dieses Umfeld können wir beeinflussen, ja es uns auch selbst gestalten und schaffen.

Hier geht es nicht um Erfolg pur im klassischen Sinn. Nicht jeder will ein grosses Leben führen. Mancher will einfach nur ein einfaches, ruhiges Leben haben. Und nicht nur deshalb nicht im Rampenlicht stehen, weil er sich davor fürchtet. Sondern weil er mit den Dingen, so wie sie sind, ganz im Reinen ist, seinen Platz für sich gefunden hat und so für sich und andere auf ganz unspektakuläre Weise seine Bestimmung lebt und erfüllt. Das ist anzuerkennen.

Sinn ist etwas sehr Individuelles, aber gleichermassen auch allgemeiner Natur insofern, als sehr viele Menschen den meisten Sinn aus Ihrer Familie, der Gemeinschaft, in der sie leben, oder auch aus Ihrem Job ziehen. Das ist völlig in Ordnung, solange es funktioniert. Oft funktioniert es aber eher recht als schlecht. Nicht, weil es an sich nicht in Ordnung wäre, sondern weil dafür keine echte Entscheidung getroffen wurde und man in sein Leben eher wie zufällig hinein geschlittert ist. Jetzt sind die Dinge wie sie sind. Es wird akzeptiert, aber man fühlt sich doch nicht ganz wohl in seiner Haut. Sinn im hier gemeinten Sinn setzt eine bewusste Auseinandersetzung mit meiner Situation voraus und damit, wo ich hin will.

Sinn ist bewusst, drauf los leben nicht. Sinn wird getragen von klaren Entscheidungen, drauf los leben eben nicht. So ist es einfach.

Man muss sich vor Augen halten, dass die Welt in der Getriebenheit, mit der sie sich derzeit präsentiert, weitestgehend ein Resultat mangelnder Reflektion und Klarheit ist. Sie ist Resultat der Unfähigkeit der Menschen, es bei und mit sich selbst einmal für längere Zeit auszuhalten und zu sich zu kommen, und zudem Ergebnis der Faulheit des Denkens. Natürlich kann man das niemandem vorwerfen, der in einer Umgebung gross wird, wo Überleben keine Selbstverständlichkeit ist.

Aber es wäre die Aufgabe vergleichsweise wirtschaftlich starker Gesellschaften, Tiefe und Durchdringung, ja Weisheit und Intellekt, ganzheitliches Denken, auch Sensibilität und insgesamt die Entwicklung kultivierten Menschseins zu fördern, ohne dabei die Härte und Verantwortung menschlicher Existenz zu beschönigen und zu verharmlosen. 

Das Leben der meisten Menschen ist Ergebnis von mangelnder Reflexion, Unbewusstheit und verläuft letztlich eher zufällig. Genauso zufällig ist damit auch die Sinnkomponente. Man hat sich das Rauchen angewöhnt und kommt jetzt nicht mehr davon los. Man steigt am Morgen ins Auto und macht das Radio an. Abends noch zwei bis drei Gläser Wein. Und bald ist auch schon wieder Wochenende. Es ist aber kein Zeichen von Gesundheit, in einer kranken Gesellschaft angepasst zu leben.

Da passt mir das Cogito ergo sum – ich denke, also bin ich – von Descartes doch besser. Denn Sinn ist eine Errungenschaft meiner selbst. Es ist ein Geschenk, das ich mir selbst mache. Der Buddha würde zwar sagen „Ich denke nicht, also bin ich.“ Und das ist genauso richtig. Aber für ein gutes Leben brauchen wir eben ein gewisses Mass an kognitiver Klarheit für uns selbst. Und zwar umso mehr in einer Welt, die Gleichmacherei immer mehr zur Devise macht, und die Individualität durch viele Optionen ebenfalls fördert, sie aber durch Ablenkung und die Menge an Optionen auch viel schwieriger macht.

Je mehr mir die Welt da draussen weismachen will, was gut für mich ist, desto mehr muss ich in mich gehen und mir über mich klar werden. Sinn ist etwas, das ich mit mir selbst auszumachen habe. Und die Ergebnisse dieses Ausmachens können von bewusst hinschauen und lieben, was da ist, weil alles schon passt, bis hin zur völligen Transformation meiner Lebenswelt reichen.

Wie schon erwähnt, bringt die Ermittlung meines Sinns in der logischen Folge auch Entscheidungen mit sich. Wer denkt, Entscheidungen sind einfach, hat vielleicht noch nie bewusst welche getroffen. Entscheidungen trennen, und sie sind immer auch ein Opfer. Wenn ich mich für etwas entscheide, dann lasse ich eine ganze Menge anderes los. Und das ist in der Regel ziemlich schmerzhaft.

Das Leben ist hart. Das ist kein leerer Spruch, sondern es liegt in der Natur der Sache. Wie gelungen Dein Leben ausfällt, wird wesentlich davon abhängen, wie Du mit dieser Härte umgehst und sie verarbeitest. Die meisten Menschen wollen der Härte aus dem Weg gehen. Sie schieben sie weg, igeln sich ein, gehen der Auseinandersetzung, vor allem der mit sich selbst, aus dem Weg. Sie vergessen dabei, dass sie auch eine Entscheidung treffen, wenn sie sich nicht entscheiden. Nämlich für Driften, Orientierungslosigkeit und ein Laissez-Faire, das den Namen Leben, wie ich ihn hier verstehe, nicht verdient. Auch so lässt sich eine Weile leben, aber wenn die Schläge kommen, dann bekommt man die Härte des Lebens mit ganzer Wucht zu spüren. 

Der gute Umgang mit Härte lässt sich vielleicht am besten so erklären: Der Schmerz der Disziplin ist am Ende weniger schmerzhaft als der Schmerz des Bedauerns.

Und Sinn, das ist der Kompass, den ich für mich im Leben ausrichte, indem ich bewusste Entscheidungen in den wesentlichen Lebensbereichen für mich treffe und meinem Leben damit in der Tiefe eine klare Richtung gebe.

Entscheidungen sind per se auch schmerzhaft, weil wir uns bei bewussten Entscheidungen von ziemlich vielen Dingen verabschieden. Sie verlangen deshalb klare Härte. Aber sie sind notwendig, und zugleich eines der grössten Geschenke, die wir uns machen können. Sie vereinfachen vieles, schaffen Klarheit und geben uns Energie.

Die Bestimmung von Sinn in Deinem Leben, und in der Folge klare Entscheidungen, das ist der Teilchenbeschleuniger hinein in ein starkes Leben, das seinen Namen verdient. Menschen, die sich die Mühe gemacht haben, ihren Sinn klar zu definieren, sind anders. In der Regel strahlen sie Ruhe und Stärke aus und sind mit sich ziemlich im Reinen. Allzu viele Exemplare gibt es von ihnen nicht. Aber sie sind auch nicht vom Aussterben bedroht.

Have a great day…and a good life!